Wer von uns ist nicht schon einmal einer Blauregenpflanze mit einem jahrhundertealten Stamm begegnet, deren Zweige das Gitter eines alten Gartens anheben oder die Fassade eines historischen Gebäudes hinaufklettern? Vielleicht konnten Sie auch schon das großartige Schauspiel einer völlig außer Kontrolle geratenen Pflanze beobachten, deren Triebe von Baumkrone zu Baumkrone bis in die Wipfel hoher Bäume wachsen – an einem Ort, der einst vermutlich ein Garten war. Man könnte meinen, diese Liane aus der großen Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae) sei dort vor mehreren Jahrhunderten gepflanzt worden. Doch das ist keineswegs der Fall …

Die Königin der Lianen
Die ersten Exemplare des Chinesischen Blauregens (Wisteria sinensis) wurden 1816 in Europa eingeführt. Verantwortlich dafür war Captain Welbank, ein Untertan Seiner Majestät. Einer Überlieferung zufolge wurde er an einem schönen Maiabend des Jahres 1816 von einem wohlhabenden chinesischen Händler aus Kanton zum Essen eingeladen. Das Mahl wurde unter einer mit blühendem Blauregen bewachsenen Pergola serviert. Der Händler bezeichnete die Pflanze als „Zi Teng“, was „blaue Rebe“ bedeutet. Der beeindruckte Captain bat seinen Gastgeber um einige Jungpflanzen. Nach ihrer Verschiffung nach Europa begann der Chinesische Blauregen dort eine glänzende Karriere als Kletterpflanze. Unbezähmbar und duftend, wurde er in der Stadt ebenso wie auf dem Land gepflanzt: in den Parks prachtvoller Anwesen ebenso wie in einfachen ländlichen Gärten.
Auch wenn die Waldrebe gewöhnlich als „Königin der Lianen“ bezeichnet wird, verdient der Blauregen wohl den Titel einer Kaiserin. Der Chinesische Blauregen ist deutlich anspruchsloser und weniger launisch, nahezu unverwüstlich. Er übersteht Kälte und Trockenheit und bleibt in unseren Regionen von Schädlingen und Krankheiten verschont. Einer unserer besten französischen Spezialisten für diese Pflanze schrieb: „Es gibt weder einen zu armen Boden, noch eine zu sengende Sonne oder einen zu trockenen Standort, an dem sie nicht prächtig blühen würde!“

Der aus den nordöstlichen und südlichen Provinzen Chinas stammende Blauregen, insbesondere aus Sichuan, wächst in Höhenlagen zwischen 500 und 1.800 Metern in Wäldern. Diese botanische Art und ihre zahlreichen Sorten besitzen eine Vitalität und Anpassungsfähigkeit, die Bewunderung wecken. Von Anfang an begeisterten sich Künstler und Literaten für sie. 1888 schrieb Van Gogh: „Unter diesen Amethystleuchtern könnte man meinen, Sarah Bernhardt noch tanzen zu sehen.“ Claude Monet hielt sie auf seinen Gemälden fest und pflanzte sie in großer Zahl in seinen wunderschönen Garten in Giverny. Edmond Rostand pries sie mit dem ihm eigenen lyrischen Überschwang. Die Schriftstellerin Colette, deren Fähigkeit, jedes Lebewesen wahrzunehmen und zu beschreiben, ihresgleichen sucht, sprach von einem „malvenfarbenen See“, einem „reptilienhaften Geist“ und sogar von einem „blühenden, unbezähmbaren Despoten“. „Als ich ihr zusah, lernte ich, was ihre zerstörerische Kraft vermag, der eine überzeugende Schönheit dient“, schrieb sie. Damit ist alles gesagt: Triebe wie Boa constrictor und eine märchenhafte Frühlingsblüte, die als duftender Regen von unglaublicher Zartheit herabfällt.

Der Blauregen in unseren Gärten
Als Begleitpflanze zum Chinesischen Blauregen können Sie bei ausreichendem Platz zum Beispiel die ebenso robuste Jungfernrebe Parthenocissus quinquefolia wählen, die sich im Herbst prächtig scharlachrot färbt. Oder Sie entscheiden sich für die Gewöhnliche Waldrebe, Clematis vitalba, die sich im Sommer mit einer cremeweißen Wolke bedeckt. Wenn der Platz begrenzt ist, müssen Sie dennoch nicht auf diese herrliche Pflanze verzichten: Erziehen Sie Ihren Blauregen durch regelmäßigen Rückschnitt zu einem kleinen Baum.

Wussten Sie schon?
Botaniker nannten den Blauregen Wisteria – nach Caspar Wistar, einem Anatomieprofessor aus Philadelphia.
Alle aus der nördlichen Hemisphäre stammenden Kletterpflanzen winden oder drehen sich entgegen dem Uhrzeigersinn, während sich Kletterpflanzen der südlichen Hemisphäre in die entgegengesetzte Richtung winden. Dieses Phänomen wird durch die Erdrotation verursacht. Warum windet sich der Japanische Blauregen im Uhrzeigersinn, anders als der Chinesische Blauregen, obwohl Japan auf der nördlichen Hemisphäre liegt? Die Erklärung: Vor einigen Millionen Jahren befand sich Japan auf der südlichen Hemisphäre. Dieser Teil der Erdkruste driftete langsam nach Norden, bis er seine heutige geografische Lage erreichte.
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