In diesem Sommer möchten wir Sie auf eine botanische Reise mitnehmen! Bäume, Sträucher, Nadelgehölze, Zwiebelpflanzen, Bambus, Gräser oder Stauden … Viele Pflanzen sind weit gereist und aus fernen Kontinenten, von Amerika bis Ozeanien, zu uns gelangt. Nach und nach haben sie sich an unser Klima, eine andere Luftfeuchtigkeit und unsere Kulturbedingungen angepasst, sodass sie heute problemlos in unseren Gärten gedeihen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie sich vielerorts auf der Welt eingebürgert.
Jeden Samstag stellen wir Ihnen eine dieser reisenden Pflanzen vor … Diese Woche geht es um die Hortensie!

Die Hortensie oder Hydrangea
Mit ihren großen, farbenfrohen Blütenbällen und ihrem freundlichen Aussehen könnte man sie für eine heimische Pflanze halten. Die Hortensie – botanisch Hydrangea – wirkt auf uns sehr vertraut, fast alltäglich. Man könnte meinen, sie stamme ursprünglich aus der Bretagne. Tatsächlich gelangte sie aus den Bergen des Reichs der aufgehenden Sonne zu uns. Bevor sie in Europa zu einem beliebten Strauch wurde, erlebte sie einige Abenteuer. Außerdem hat sie zahlreiche asiatische und amerikanische Verwandte!
Ihre Herkunft
In den 1980er-Jahren entdeckte man an der Westküste der Vereinigten Staaten, in Oregon und Nordkalifornien, fossilisierte sterile Blütenstände von Hydrangea. Sie stammen vermutlich aus dem Tertiär. Weitere Fossilien wurden in Alaska und im Norden Chinas, in der Mandschurei, gefunden. Die Schönheit der Hortensien wurde bereits im 8. Jahrhundert in japanischen Gedichtsammlungen erwähnt.
Wie viele Pflanzen, die von großen Seefahrten mitgebracht wurden, gelangte die Hortensie erst im 18. Jahrhundert nach Frankreich. Zum ersten Mal wurde sie 1712 von Engelbert Kaempfer erwähnt. Der deutsche Arzt, Naturforscher und Entdecker hatte 1690 an einer Reise nach Edo, dem heutigen Tokio, teilgenommen. Er gehörte zu den Ersten, die die japanische Pflanzenwelt erforschten. Die ersten Hortensien wurden in der Bucht von Nagasaki entdeckt. Carl Peter von Thunberg und später Philibert Commerson, ein französischer Entdecker und Naturforscher, brachten getrocknete Pflanzenproben für Herbarien mit. Der Naturforscher Philipp Franz von Siebold kehrte mit den ersten korrekt bestimmten Hydrangea im Gepäck nach Europa zurück.
Erst 1790 wurden die ersten lebenden Exemplare von Hydrangea macrophylla nach England eingeführt. In den Gewächshäusern der Kew Gardens in London passten sie sich dank der idealen Luftfeuchtigkeit der britischen Insel sehr gut an.
Ein geheimnisvoller Name
Für die Herkunft des Namens „Hortensie“ gibt es mehrere Theorien, ohne dass bisher eine davon wirklich bestätigt wäre. Diese Bezeichnung wird ausschließlich im Französischen verwendet. Bei uns wird Hydrangea macrophylla gelegentlich auch „Rose von Japan“ genannt.
Sollte der Name eine Hommage an Hortense sein, die Schwester des Fürsten Charles von Nassau, der als französischer Offizier an der Bougainville-Expedition teilnahm? Tatsächlich hieß sie Charlotte-Amélie. Der französische Botaniker, Arzt und Entdecker Philibert Commerson (1723–1773) hatte die Pflanze zunächst Peautia caelestina genannt. Damit bezog er sich auf Nicole-Reine Lepeaute, eine befreundete Mathematikerin, die sich angeblich Hortense nennen ließ. Auch die berühmte Jeanne Barret, Commersons Begleiterin und Haushälterin, soll während der Bougainville-Expedition als Mann verkleidet den Vornamen Hortense getragen haben. Die Zusammenhänge bleiben unklar. Andere vermuten, dass der Name von Königin Hortense, der Stieftochter Napoleons, inspiriert wurde. Die Hortensie wurde während des Ersten Kaiserreichs sehr beliebt. Diese Theorie ist jedoch wegen des zeitlichen Ablaufs wenig wahrscheinlich. Für manche leitet sich der Name schlicht vom lateinischen hortus, „Garten“, ab. Die Pflanze wurde in Japan und China vielerorts kultiviert. Vielleicht fand Commerson sie aber auch auf der Insel Mauritius, wo er an Land gegangen war. Die Legende bleibt bestehen und verleiht der Hortensie noch mehr Geheimnis und Charme.

Die verschiedenen Hortensien
Wenn von der Hortensie mit kugelförmigen rosa oder blauen Blütenständen die Rede ist, meint man meist Hydrangea macrophylla. Diese Art stammt aus Japan. Die große Gattung Hydrangea umfasst jedoch weltweit fast 80 beschriebene Arten – da kann man schon einmal den Überblick verlieren. Die meisten Arten stammen aus Ostasien. Andere kommen aus Nepal, den Vereinigten Staaten oder sogar aus Chile. Hier folgt eine kleine Weltreise zu den wichtigsten Herkunftsgebieten der Hydrangea-Arten.

In Japan findet man auch Hydrangea paniculata mit kegelförmigen Blütenständen, die Kletter-Hortensie Hydrangea anomala beziehungsweise Hydrangea petiolaris sowie Hydrangea involucrata mit päonienähnlichen Knospen. China ist die Heimat von Hydrangea aspera und Hydrangea villosa mit großen, behaarten Blättern. Beide Arten kommen auch in Taiwan vor. Ebenfalls dort verbreitet sind Hydrangea sargentiana und Hydrangea paniculata. Aus dem Südosten der Vereinigten Staaten stammen Hydrangea quercifolia mit eichenähnlichen Blättern und Hydrangea arborescens. Chile und Argentinien besitzen mit Hydrangea integerrima beziehungsweise Hydrangea serratifolia eine eigene, endemische Kletter-Hortensie.
Hydrangea gehört zu den am stärksten gekreuzten Pflanzengattungen. Zu den Wildarten kommen je nach Art zehn bis hundert Sorten hinzu, insbesondere bei Hydrangea macrophylla, Hydrangea paniculata und den amerikanischen Arten.

Symbole und Traditionen
Auf Japanisch heißt die Hortensie ajisai. Der Name bedeutet „Indigoblau zusammenbringen“ oder „Sammlung von Indigoblau“ und bezieht sich auf eine ihrer in Japan besonders verbreiteten Farben.
Im Juni, zu Beginn der Regenzeit, sind Hortensien besonders beeindruckend. Die feuchte Luft bringt ihre ganze Schönheit zur Geltung. Ähnlich begehrt wie die berühmten Kuchenbäume – die blühenden Kirschbäume –, die im ganzen Land im Frühjahr beim Hanami gefeiert werden, kündigen Hortensien den langersehnten Sommer an. Die Japaner strömen in die zahlreichen Tempel, wo sie Tausende von Hortensien bewundern können, die Wege und Beete säumen.
Auch Japaner und Koreaner trinken Hydrangea als Tee! Man nennt ihn Buddha-Tee, weil er zu Ehren Buddhas getrunken wird. Mit ihm feiert man im April beim Hana Matsuri dessen Geburt. Dieser Tee, genauer gesagt Aufguss, wird aus den süßen Blättern von Hydrangea serrata 'Oamacha' gewonnen. Er schmeckt intensiv nach Lakritze und wird auch zu besonderen Anlässen und religiösen Festen serviert.
Bei uns wird die Hortensie außerhalb des Gartens vor allem getrocknet als Dekoration verwendet. So entstehen zauberhafte Wintersträuße.
Die symbolische Bedeutung der Hortensie unterscheidet sich je nach Kultur und Land deutlich. Das gilt sogar für die Farbe ihrer Blüten. Welche Bedeutung Sie wählen, bleibt Ihnen überlassen: Dankbarkeit, Schönheit, Reinheit, Bedauern oder in Japan auch Unbeständigkeit wegen des Farbwechsels der Blüten. Ebenso kann die Hortensie Würde oder tiefe Gefühle symbolisieren.

Die Hortensie im Garten
Wir schätzen die Hortensie wegen ihrer langen Blütezeit und ihrer oft wechselnden Blütenfarben im Laufe der Saison. Bei manchen Sorten verändern sich auch die Blätter. Je nach Art gedeiht sie im Schatten, Halbschatten oder in der Sonne. Die Gattung umfasst sehr unterschiedliche Arten mit verschiedenen Formen und Größen. Außerdem sind Hortensien gut winterhart. Kleinere Sorten können Sie auch im Topf kultivieren.
Hortensien sind häufig auf Säcken mit Moorbeeterde abgebildet. Tatsächlich gehören sie jedoch nicht wirklich zu dieser Pflanzengruppe. Sie bevorzugen zwar einen leicht sauren Boden, kommen aber auch mit neutralem Boden sehr gut zurecht. Das unterscheidet sie beispielsweise von Ahorn und Alpenrose. Wenn Sie die blaue Blütenfarbe erhalten möchten, ist allerdings ein pH-Wert von 4,5 bis 5,5 erforderlich. Einige Arten vertragen sogar Kalk, insbesondere die „amerikanischen“ Hortensien Hydrangea arborescens und Hydrangea quercifolia.
Ansonsten benötigen Hortensien vor allem frische, nährstoffreiche und lockere Erde, die durchlässig, aber nicht schwer ist. Staunässe könnte ihre Wurzeln im Winter schädigen. Und Wasser! Denken Sie daran, dass Hydrangea vom griechischen Wort hydor für „Wasser“ stammt.
Was den Standort betrifft, zählt man Hortensien gewöhnlich zu den Schattensträuchern. Das stimmt im Allgemeinen, doch einige Arten vertragen Sonne besser, zum Beispiel Hydrangea paniculata und Hydrangea quercifolia sowie Hydrangea arborescens.
Zum Schluss … wussten Sie schon?
Die Hortensie wurde häufig auf japanischen Farbholzschnitten des 17. und 18. Jahrhunderts dargestellt. Außerdem gehörte sie zu den beliebtesten Blumen des Jugendstils. Diese Kunstrichtung entstand Ende des 19. Jahrhunderts und ließ sich von Pflanzen und ihren geschwungenen Formen inspirieren. Die runden, dekorativen Blütenbälle von Hydrangea macrophylla waren bei den Glasmeistern Gallé, Daum und anderen sehr beliebt. Deshalb finden sie sich häufig auf Vasen, aber auch auf den Glasfenstern in Pariser Cafés und Restaurants der Belle Époque. Ebenso erscheinen sie auf Tapeten der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, etwa bei William Morris und seinen Weggefährten.

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