Anfang Juni bin ich zu einer Reise in den Norden Englands aufgebrochen, in eine Region, die ich seit (zu) vielen Jahren nicht mehr besucht hatte. In dieser an Schottland grenzenden Gegend lernte ich als Jugendliche meine englische Brieffreundin und ihre Familie kennen. Sie weckten in mir die Begeisterung für die englische Sprache und lenkten meine Studienwahl auf ein faszinierendes sprachwissenschaftliches Studium. Diese Pilgerreise wollte ich mit Gartenbesichtigungen verbinden – einer Leidenschaft, die inzwischen fest zu meinem Leben gehört.
Zwischen den für den Norden des Landes typischen Seen und Heiden bestimmten Wanderungen und Gartenbesichtigungen den Tagesablauf. Anfang Juni präsentierten sich die Gärten üppig. Sie waren weitaus prachtvoller, als ich es mir vorgestellt hatte, und einiges fiel mir besonders auf. Wenn Sie, wie ich, nur Augen für den englischen Garten haben, begleiten Sie mich in ein Land, in dem der Garten König ist.

Yorkshire und seine Gärten: ein wahr gewordener Traum
Bei der ausführlichen Vorbereitung dieser Reise musste ich mich für bestimmte Besichtigungen entscheiden und auf andere verzichten. Der Norden Englands ist, ebenso wie der Rest des Landes, reich an einer unglaublichen Vielzahl von Gärten. Ich reiste von der Westküste – dem Lake District, der Seenregion in der Grafschaft Cumbria – zur Ostküste, zum York North Moors National Park, und weiter in das etwas südlich gelegene Derbyshire. Dabei hatte ich mithilfe schöner Gartenbücher (L'Angleterre des jardins und Jardins d'Angleterre) einige Gärten ausgewählt und die verschiedenen englischen Internetseiten konsultiert, auf denen die schönsten und sehenswertesten Orte verzeichnet sind, insbesondere die Seite der RHS.
Ein Garten pro Tag – und jedes Mal war die Faszination aufs Neue spürbar. Die Gärten ähneln sich zwar in ihrem englischen Stil, besitzen aber alle eine ganz eigene Persönlichkeit.
Vor allem der Hall, dieses typisch englische kleine Schloss oder große Herrenhaus, verleiht jedem Garten seinen besonderen Charakter. Seine Architektur prägt den Ort ebenso wie die Walled Gardens, ummauerte Gärten mit Backsteinmauern, in denen die schönsten Mixed Borders zu finden sind.
Ich bevorzugte kleinere Gärten, weil ich diese Art von Garten besonders schätze. Um nur einige zu nennen: Die Gärten von Holker Hall, Burton Agnes Hall und Newby Hall haben mich besonders begeistert. Das etwas weiter südlich in Derbyshire gelegene große Anwesen von Chatsworth, das bei Engländern und Touristen gleichermaßen beliebt ist, verdient jedoch ebenfalls einen kleinen Abstecher. Gleiches gilt für Levens Hall und seine Formschnittgehölze in der Grafschaft Cumbria.
Die Farbpalette
Im späten Frühjahr zeigen die englischen Gärten ausgesprochen reizvolle Farbtöne: alle Nuancen von Weiß, Blau, Rosa, Malve und Purpur. Diese Farbpalette findet sich vielerorts und verzaubert uns ganz unaufdringlich. Die Ton-in-Ton-Kompositionen sind sorgfältig ausgearbeitet. Die entstehende Harmonie ist das Ergebnis einer präzisen Abstimmung der Farbschattierungen und wirkt ausgesprochen britisch-elegant.

In vielen Gärten finden sich außerdem Teilbereiche mit einer monochromen Gestaltung, einer großen Spezialität jenseits des Ärmelkanals. So gibt es im Burton Agnes Hall einen äußerst gelungenen gelben Garten. Dort verbinden sich Blüten in einem Spektrum von zarten bis leuchtenden Gelbtönen mit goldfarbenem Laub. Zugleich eröffnet sich der Blick auf das prächtige elisabethanische Herrenhaus.

Im Lake District finden wir schließlich viele Pflanzen für saure Erde, da der Boden hier ideale Bedingungen für ihre Ansiedlung bietet. Rhododendren und Azaleen stehen noch in voller Blüte. Im Garten von Holehird Gardens entsteht dadurch beispielsweise eine kräftigere, ebenso attraktive Farbpalette.

Mixed Borders und die Leitpflanzen des englischen Gartens
Bei den Gartenbesichtigungen begegneten mir in den Mixed Borders und Walled Gardens immer wieder bestimmte Stauden. Diese Beete sind in ihrer Gestaltung und Präzision schlicht überwältigend. Meerkohl, Akelei und Sterndolde, Wiesenknopf, Kardone, Orientalischer Mohn, aber auch Zierlauch, noch blühende Päonien, Rosen, riesige Wiesenrauten und extravagante Lupinen!
Die Funkien, die ich in den meisten Gärten sah, waren von einer geradezu überwältigenden Üppigkeit. Sie waren riesig, in allen Farben und schienen uns regelrecht herausfordern zu wollen.

Die Schmuckelemente englischer Gärten
Ein Spaziergang durch englische Gärten bedeutet auch, unzählige Anregungen für die Gestaltung des eigenen Gartens zu sammeln. Die Engländer lieben Bänke und Sitzbänke und verteilen sie großzügig in ihren Gärten. So laden sie an sehenswerten Aussichtspunkten zum Verweilen ein. Ich mag sie alle: aus Holz oder Schmiedeeisen, gestrichen, mit nostalgischer Ausstrahlung, oft im viktorianischen Stil oder im Geist von Arts & Crafts.

Auch Rankhilfen, die überall im Garten aufgestellt werden, um Gartenwicken und andere Kostbarkeiten emporwachsen zu lassen, gefallen mir sehr. Gleiches gilt für Obelisken, die all diesen Gärten einen besonderen Charme verleihen. Die größeren Gärten nutzen gerne sogenannte Gartenstaffagen. Dazu gehören wie bei uns Bauwerke, die den Garten verschönern, etwa Pavillons. Im Anwesen von Chatsworth finden sich diese Staffagen im wilden Garten. Beim Aufstieg zum riesigen Küchengarten entdeckt man außerdem wunderschöne Bögen.

Mulchen oder nicht mulchen?
Überraschenderweise werden die englischen Beete kaum oder gar nicht gemulcht. Jedenfalls nicht so, wie wir es in Frankreich tun. Die große Zahl an Gärtnern in den einzelnen Gärten erklärt dies teilweise. Sie leisten das ganze Jahr über beträchtliche Arbeit, jäten kontinuierlich und entfernen jedes noch so kleine Unkraut. Die schwarze, humusreiche Erde entsteht durch eine dicke Schicht verrotteten Mulchs, den die Pflanzen besonders schätzen.
Kurzer oder differenzierter Rasenschnitt!
Eine meiner größten Überraschungen betraf den Umgang mit Rasenflächen. Die Leidenschaft für den berühmten englischen Rasen ist in England seit jeher bekannt. Für die Gärtner großer Anwesen und privater Gärten ist er ein echter Grund zum Stolz. Der Rasen besitzt hier einen hohen ästhetischen Wert und symbolisiert seit Jahrhunderten auch den Wohlstand der Eigentümer. Er gehört zu den unverzichtbaren Elementen des englischen Gartens und hebt die bepflanzten Gartenbilder eindrucksvoll hervor. Beim Besuch eines ersten Gartens in den Höhenlagen oberhalb des Windermere-Sees staunte ich nicht schlecht, als ich einen Rasenmäher brummen hörte. Ich bewunderte gerade den makellos kurz geschnittenen, sattgrünen Rasen im ummauerten Garten. Der Gärtner hatte mit dem Mähen begonnen, obwohl die weiche grüne Fläche bereits wie ein Billardtisch aussah!
Gleichzeitig haben sich die englischen Gärten mit der Zeit weiterentwickelt und eignen sich ebenfalls für ökologischere Methoden auf großen Flächen. Auf Hektar großen Garten- oder Parkflächen, wie sie zu den meisten besichtigten herrschaftlichen Anwesen gehören, finden sich inzwischen ausgedehnte Bereiche mit differenzierter Pflege. Hohe Gräser grenzen an sorgfältiger gepflegte Flächen, ohne dass sich heute noch jemand daran stört – und das ist auch gut so!
Am meisten überrascht hat mich der Garten von Haddon Hall. In einem repräsentativen Bereich direkt vor dem Herrenhaus lagen zwei breite Streifen ungemähter Rasenfläche entlang des Hauptwegs. Erstaunlich, nicht wahr?

Messerscharfe Beetkanten
Woher kommt dieses Gefühl von Eleganz, Harmonie und Ordnung beim Besuch eines englischen Gartens? Neben den feinen, gleichmäßigen Rasenflächen, die sowohl von Menschenhand als auch durch die häufigen, wohltuenden Regenfälle gepflegt werden, muss man feststellen, dass messerscharfe Beetkanten ein gemeinsames Merkmal aller besuchten Gärten sind. Sie sorgen für diese bewundernswerte Präzision, die durch die üppige Bepflanzung ausgeglichen wird. Die Grenzen der Beete sind so sauber definiert, dass kein einziger Grashalm auf die Erde ragt.
Im Gespräch mit einem Gartenteam in den York Gate Gardens verriet mir einer der Gärtner, dass die Beetkanten jede Woche neu gestochen werden! Bei derartigen Flächen mit ihren zahlreichen Beeten fragte ich mich, ob die Gärtner überhaupt etwas anderes tun. Denn kaum ist diese mühsame und äußerst sorgfältige Arbeit auf 4.000 m² beendet, muss sie schon wieder von vorn beginnen! Das tut dem britischen Gleichmut jedoch keinen Abbruch, der hier bis in die Gärten hinein spürbar ist.
Die Strenge dieser makellosen Beetkanten wird manchmal durch die Üppigkeit einer locker wachsenden Staude aufgelockert, etwa durch einen Storchschnabel, der sich aus dem Beet herauslehnt. So wirkt die Gestaltung weniger beinahe unwirklich.

Meine Tipps: Die Halls und Schlösser sind allein schon einen Besuch wert, auch wenn der Eintrittspreis für den Garten dadurch natürlich etwas höher ausfällt ... Wenn Sie Zeit haben, sollten Sie außerdem einige Privatgärten besuchen. Während der Sommersaison können Sie in England sehr viele davon besichtigen! Gönnen Sie sich auch eine Mittagspause oder einen Afternoon Tea in den zahlreichen Tea Rooms, die in diesem Land fester Bestandteil der Gärten sind. Dort essen Sie sehr gut und regional – in typisch britischer Atmosphäre und mit einer wunderschönen Ausstattung.
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