Jeder Gärtner, ob Hobbygärtner oder Profi, steht vor einer wichtigen Entscheidung, wenn er seinem Garten einen neuen Baum hinzufügen möchte: Soll es ein veredelter oder ein unveredelter Baum sein? Doch was genau ist ein veredelter Baum? Einfach ausgedrückt, ist das Pfropfen eine gärtnerische Technik, bei der zwei Pflanzen so miteinander verbunden werden, dass sie gemeinsam weiterwachsen. Die Unterlage versorgt das Edelreis mit Wasser und Nährstoffen, während das Edelreis dem Gärtner Früchte, Blüten oder ein besonderes Laub schenkt.
Diese Methode bietet zahlreiche Vorteile, da sie häufig Bäume mit besonderen Eigenschaften hervorbringt – etwa im Hinblick auf Widerstandsfähigkeit, Fruchtbildung oder Erscheinungsbild. Dennoch wird das Pfropfen von Bäumen und Sträuchern mitunter kontrovers diskutiert. Also: Für oder gegen das Pfropfen? Sehen wir uns die Vor- und Nachteile beim Kauf eines veredelten Baumes an, damit Sie eine fundierte Entscheidung treffen können.

Wir sind eindeutig dafür!
Problemlos vermehren
Manchmal fällt die Aussaat nicht sortenecht aus. Auch die Stecklingsvermehrung kommt mitunter nicht infrage, weil sie zu kompliziert oder sogar unmöglich ist. In solchen Fällen bleibt für die sortenechte Vermehrung einer bestimmten Sorte oder eines bestimmten Kultivars nur eine Lösung: das Pfropfen.
Anpassung an den Boden
Je nach Boden könnten bestimmte Sorten oder Arten von Bäumen und Sträuchern in Ihrem Garten nicht wachsen. Was können Sie in diesem Fall tun? Sie wählen eine Unterlage, die an den Boden angepasst und botanisch eng mit der zu veredelnden Pflanze verwandt ist. Schon ist das Problem gelöst! Ein Beispiel sind Birnbäume, die für kalkhaltige Böden auf Weißdorn veredelt werden.

Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge
Wie bei der Anpassung an den Boden können Sie eine Unterlage auswählen, die gegen bestimmte Bodenkrankheiten oder Schädlinge widerstandsfähig ist. Ein Beispiel sind bestimmte Zitrusfrüchte, die auf ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Phytophthora-Gummose geprüft wurden, oder die systematische Veredelung der Weinrebe zum Schutz vor der Reblaus.

Die Wuchskraft erhöhen oder verringern
Wählen Sie entweder eine sehr stark wachsende Unterlage oder umgekehrt eine schwach wachsende Unterlage. So können Sie einen Baum oder Strauch an die gewünschte Form oder Größe anpassen.
Genetische Selektion
Natürliche Mutationen, die an einem Obstbaum oder an Zierbäumen und -sträuchern auftreten, lassen sich durch das Pfropfen erhalten. Erscheint an Ihrem Strauch eine besondere, völlig andersartige Blüte? Dann veredeln Sie diesen Trieb und vermehren diese „Mutation“. Dasselbe ist beispielsweise bei Früchten oder besonders auffällig gefärbtem Laub möglich.
Frühere Ernte
Das Pfropfen führt zu einem früheren Fruchtansatz: Häufig trägt ein veredelter Baum bereits in den ersten 2 bis 3 Jahren zum ersten Mal Früchte. Bei einem aus Samen gezogenen Baum kann es dagegen zehn Jahre oder noch länger dauern.
Mehr Früchte und mehr Blüten
Auch für eine üppigere Blüte wird gepfropft, wenn ein Strauch insgesamt eher kompakt bleibt. Dasselbe gilt für Obstbäume.
Kreuzbestäubung
Einige Pflanzen benötigen für die Fruchtbildung eine Kreuzbestäubung. Dabei muss der Pollen der Blüten eines anderen Baumes derselben Art die Eizelle der Blüten des ersten Baumes befruchten. Wenn Sie beispielsweise nicht mehrere Birnbäume pflanzen möchten, können Sie deshalb zwei Edelreiser verschiedener Sorten auf dieselbe Unterlage pfropfen.
Das Pfropfen kommt auch infrage, wenn eine Art diözisch ist, also männliche und weibliche Pflanzen getrennt vorkommen. In diesem Fall genügt es, einen weiblichen Trieb auf eine männliche Pflanze zu pfropfen – oder umgekehrt.
Einem alten Baum zu neuer Kraft verhelfen
Heutzutage kommt diese Methode nur noch selten zum Einsatz. Dennoch können Sie einen alten Baum durch eine Überveredelung verjüngen. Dazu schneiden Sie die Verzweigung zurück und pfropfen anschließend direkt auf den Baum.
Auf diese Weise können Sie auch die Obstsorte eines bereits vorhandenen Baumes wechseln.
Manchmal sind wir auch etwas dagegen …
Beim Pfropfen ist nicht alles ideal, und es gibt einige Nachteile. Sehen wir uns im Folgenden die wichtigsten Nachteile des Pfropfens an.
Schwächung des Baumes
Die Verbindung zwischen Unterlage und Edelreis ist, selbst wenn alles gut verlaufen ist, eine Verletzung oder zumindest eine Schwachstelle. Meist stellt diese Schwachstelle kein Problem dar. Das gilt jedoch nicht unbedingt, wenn Ihre veredelten Bäume starkem Wind ausgesetzt sind. Eine ungewöhnlich heftige Böe kann den Baum an der Veredelungsstelle abbrechen lassen.
Kürzere Lebensdauer
Veredelte Bäume werden nicht so alt wie Exemplare, die aus Samen gezogen oder durch Stecklingsvermehrung vermehrt wurden. Außerdem hängt die Lebensdauer von der Wuchskraft der Unterlage ab. Ein auf eine schwach wachsende Unterlage veredelter Kultur-Apfel wird beispielsweise als Niederstamm nur 30 bis 40 Jahre alt. Als Halbstamm erreicht er etwa 60 Jahre, als Hochstamm mehr als 100 Jahre. Ein aus Samen gezogener Apfelbaum kann dagegen problemlos 300 Jahre alt werden.
Veredelung ohne wirklichen Nutzen
Manchmal werden Bäume und Sträucher aus nicht nachvollziehbaren Gründen veredelt, obwohl sie auf ihren eigenen Wurzeln problemlos gedeihen würden. Einige botanische Rosen werden beispielsweise auf Rosa canina oder eine andere heimische Wildrose veredelt. In den meisten Gärten könnten sie jedoch ohne Weiteres auf ihren eigenen Wurzeln wachsen. Dasselbe gilt für Cornus controversa, der allzu häufig auf Cornus amomum oder Cornus alba veredelt wird. Informieren Sie sich daher über die Pflanze, die Sie in Ihrem Garten setzen möchten. Fragen Sie sich, ob der Kauf eines veredelten Baumes wirklich sinnvoll ist.
Höherer Preis
Das Pfropfen eines Baumes oder Strauches erfordert Facharbeit, eine sorgfältige Pflege während des Anwachsens sowie eine Unterlage und Edelreiser. Daher ist der Kaufpreis eines veredelten Baumes höher als der eines aus Samen oder durch Stecklingsvermehrung gezogenen Exemplars.
Langfristige genetische Verarmung
Eine systematische oder großflächige Vermehrung durch Pfropfen reduziert – ähnlich wie die Stecklingsvermehrung – die natürliche genetische Durchmischung und Weiterentwicklung der Pflanze erheblich, da keine sexuelle Fortpflanzung stattfindet. Tritt eine Krankheit auf, kann sich die Pflanze daher nicht zu einer natürlichen Widerstandsfähigkeit weiterentwickeln. Die Population kann innerhalb weniger Jahre nahezu vollständig zugrunde gehen. Dies hat wahrscheinlich zum schnellen Absterben fast aller Kultur-Ulmen durch das Ulmensterben beigetragen.

Verbreitung von Pathogenen
Das wirkt paradox, wenn man bedenkt, dass einer der Vorteile des Pfropfens in der höheren Widerstandsfähigkeit eines Baumes gegen bestimmte Krankheiten liegt. Doch nicht desinfiziertes Veredelungsmaterial wie Messer, Pfropfmesser oder Bindematerial kann Pathogene auf eine ganze Reihe veredelter Pflanzen übertragen, insbesondere bei der großflächigen Produktion.
Und wenn es nicht gelingt?
Das Edelreis kann absterben, und die Unterlage kann die Oberhand gewinnen. Kurz gesagt: Das Pfropfen eines Baumes oder Strauches kann misslingen oder nicht dauerhaft erfolgreich sein.
Angesichts all dieser Argumente wird deutlich, dass die Entscheidung für oder gegen den Kauf eines veredelten Baumes weitgehend von den Bedürfnissen und Vorlieben jedes Gärtners abhängt. Veredelte Bäume bieten unbestreitbare Vorteile, wenn bestimmte Eigenschaften und ein früher Ertrag gefragt sind. Gleichzeitig können sie bei Pflege und Erhaltung besondere Herausforderungen mit sich bringen. Letztlich sollte jeder Gärtner seine eigenen Prioritäten und seine Vertrautheit mit gärtnerischen Techniken abwägen. Wofür Sie sich auch entscheiden: Informieren Sie sich gründlich und wählen Sie die Lösung, die am besten zu Ihrem Garten und Ihren Vorstellungen passt.
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